Theo Merkel – Der Kämpfer aus Ruhpolding

Auch nach der olympischen Premiere 1960 in Squaw Valley war die Stellung des Biathlonsports beim IOC noch eine wackelige. Denn, so schreibt der ehemalige Generalsekretär der Internationalen Biathlon-Union (IBU), Peter Bayer, hatte diese Disziplin damals offenbar ein wenig sportliches Bild abgegeben, und so beschloss das IOC auf seiner 58. Session 1960 in Rom mit 29:11 Stimmen, Biathlon wieder aus dem Programm zu nehmen, weil es zu militärisch sei. Doch auf Antrag der Sowjetunion beließ man Biathlon im olympischen Programm für 1964 in Innsbruck mit der Auflage, dass danach ein Winter-Fünfkampf entwickelt werden sollte. Das IOC drängte auch darauf, von Groß- auf Kleinkaliber zu wechseln, worüber beim UIPM-Kongress 1963  in Seefeld jedoch nicht entschieden wurde.Obwohl Biathlon bei den Olympischen Spielen 1964 in Innsbruck „eine gute Figur“ machte, wollte das IOC diese Sportart 1964 endgültig aus dem Olympiaprogramm streichen. Doch dank des vehementen Einsatzes von UIPM-Ehrenpräsident Gustaf  Dyrssen und des sowjetischen NOK-Vertreters Andrianow endete die Abstimmung mit 31:5 Stimmen zugunsten von Biathlon.“Dies dürfte die wohl wichtigste Abstimmung für die Zukunft des Biathlonsports im olympischen Programm gewesen sein“, schreibt Peter Bayer. Zudem war es gelungen, neben dem Einzelwettkampf auch einen Staffel-Wettbewerb für Olympia 1968 in Grenoble und einen Sprint für 1980 in Lake Placid ins Programm aufzunehmen.

Im Chiemgau machte zunächst der „1. BC Reichenhaller Jäger“ von sich reden. Dieser erste regionale Biathlon-Club vereinte vor allem die Soldaten der dortigen Gebirgsjäger-Kaserne, denn Biathlon war nach wie vor eine hauptsächlich vom Militär betriebene Sportart. Damals wurde noch mit Großkaliber (7,61 mm) geschossen. Und die ersten Gewehre waren, so erinnerte sich der 2002 verstorbene Ruhpoldinger Biathlon-Pionier Theo Merkel, 98er-Karabiner mit Kimme und Korn, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammten, während die DDR damals schon hochmoderne Waffen mit Diopter hatte und damit entscheidende Vorteile genoss. Merkel schildert die Problematik: „Das Gewehr mussten wir mit einem normalen Tragegurt befestigen. Da haben wir den Laufanzug am Rücken mit Schaumstoff ausgepolstert, um die Druckstellen auszugleichen.“ Anstatt der Magazine mussten Ladestreifen mitgeführt werden, welche die Athleten am Gürtel befestigten.

Theo Merkel war das erste Chiemgauer Aushängeschild im Biathlon: Er nahm an den Weltmeisterschaften 1966 in Garmisch-Partenkirchen (20. Platz) und – zusammen mit seinem Bruder Hubert – 1967 in Altenberg teil. Höhepunkt war für ihn die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble, wo er den 12. Platz im Einzellauf und den 9. Rang mit der Staffel belegte. Vier Jahre später, bei den Spielen in Sapporo, war er der große Pechvogel: Nach drei Schießen lag er auf dem dritten Platz, doch dann kam Nebel auf, und das Rennen wurde abgebrochen. Die Wiederholung am folgenden Tag brachte ihm kein Glück, er kam nur auf den 42. Platz. Die westdeutschen Biathleten standen viele Jahre klar im Schatten ihrer Konkurrenten aus der DDR. Die erste westdeutsche WM-Medaille gab es 1978 in Hochfilzen mit Bronze in der Staffel durch Heini Mehringer, Hans Estner, Andreas Schweiger und Gerd Winkler.

Ein Meilenstein für die weitere Entwicklung des Biathlonsports war nach jahrelangen heftigen Diskussionen  die Einführung des Kleinkalibergewehrs zur Saison 1977/78, die ersten Weltmeisterschaften mit dieser mehr „sportlichen“ als militärischen Waffe fanden 1978 in Hochfilzen statt. Und so stellte der legendäre Sportreporter Bruno Moravetz treffend fest: „Das Kleinkaliber belebte das Biathlon erheblich.“

In den 70er-Jahren trugen die Bemühungen Früchte, in Ruhpolding ein Biathlonzentrum zu errichten. Erster Höhepunkt war auf dieser Anlage die Weltmeisterschaft 1979, bei der sich Biathlon noch als richtige Randsportart präsentierte. Und dass dann in den 80er-Jahren endlich auch die Frauen gleichberechtigt wurden, gab der Popularität des Biathlonsports einen gewaltigen Schwung.

Ramona Schittenhelm

Ausbildung als Journalistin im Berchtesgadener Land. Lokal- und Online-Journalismus sind meine Leidenschaft. Meine journalistischen Wurzeln liegen im Sport- und Technik-Journalismus.

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